Sindelfingen: Donauschwäbischer Kulturpreis an Tomislav Ketig

Der mit 5000 Euro dotierte Hauptpreis des Donauschwäbischen Kulturpreises des Landes Baden-Württemberg wurde am 1. Dezember 2011 an den in Neusatz (Novi Sad) in der Autonomen Provinz Vojvodina (Serbien) lebenden Schriftsteller und Enzyklopädisten Tomislav Ketig vergeben. In seinem Werk “Die langen Schatten der Morgendämmerung” schildert Ketig die komplizierten historischen Abläufe der Aufklärung und Revolution im 18. und 19. Jahrhundert anschaulich. Die Pionierzeit der Donauschwaben im Habsburgerreich wird mit all den Konflikten zwischen einer Fülle von Volksgruppen, Religionsgemeinschaften und um ihre Identität ringenden Nationen vor den Augen des Lesers lebendig. Mit einer Ehrengabe in Höhe von 2500 Euro für sein Gesamtwerk wurde der in Lowrin im östlichen Banat (Rumänien) geborene Schriftsteller Richard Wagner ausgezeichnet. Einen mit 2500 Euro dotierten Förderpreis für Nachwuchskünstler erhielt die in Budapest lebende Journalistin Angela Korb, die 1982 in Fünfkirchen (Pecs) geboren wurde. In diesem Jahr war der Donauschwäbische Kulturpreis für den Bereich Literatur und Literaturwissenschaften ausgeschrieben. Die Jury setzt sich zusammen aus Mitgliedern, die vom Innenministerium des Landes Baden-Württemberg, der Künstlergilde Esslingen, der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn, der Landsmannschaft der Banater Schwaben und der Landsmannschaft der Donauschwaben benannt sind.

Stefan Barth
DKS-Vize Stefan Barth (rechts) nahm den Kulturpreis für den erkrankten Tomislav Ketig aus den Händen von Innenminister Reinhold Gall (links) entgegen - Foto: Rudolf Weber

“Die Preisträger zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf ganz individuelle Art mit ihrer Arbeit die donauschwäbische Kultur repräsentieren. Sie machen sich dadurch in hohem Maße um den Erhalt und die Pflege donauschwäbischer Kultur und Geschichte verdient”, sagte Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall im Rahmen seiner Festansprache im Sindelfinger Haus der Donauschwaben, ehe er anschließend die Preise überreichte. Leider musste Ketig, der 1932 im slawonischen Kroatien geboren wurde und ein Nachfahre deutscher Kolonisten aus dem Ort Kettig bei Koblenz ist, krankheitsbedingt absagen. Für ihn nahm der frisch gewählte neue Vize-Präsident der Donauschwäbischen Kulturstiftung, Stefan Barth, die Auszeichnung entgegen. Barth verlas einen Brief des Preisträgers, in dem es unter anderem heißt: “Zunächst danke ich auf diesem Wege Herrn Stefan Barth, dem der größte Verdienst zukommt, dass mein Roman in deutscher Übersetzung erscheinen konnte. Erst so konnte ihn die geschätzte Jury lesen und auszeichnen, was mich besonders ehrt. … Meinen Roman betrachte ich als eine Geschichte über die Zeiten, als die Ansiedler mit Fleiß, Wissen und Können aus der öden pannonischen Ebene, die wir seit 100 Jahren Vojvodina nennen, eine fruchtbare Kornkammer geschaffen haben. … Viele Deutsche kamen damals aus dem Gebiet, wo jetzt meinem Roman so hohe Anerkennung zuteil wird. Sie brachten mit, was Europa in jener Zeit an Fortschritt und Kultur zu bieten hatte. Dieses Erbe ist bis heute ein sichtbares Zeichen ihrer über mehrere Jahrhunderte dauernde Anwesenheit. Auch wenn die Umstände der jüngeren Geschichte mit der Zwangsvertreibung vom heimischen Herd schließlich zum Exodus geführt haben. … Am 1. Dezember werde ich zwar physisch abwesend, aber in Gedanken bei Ihnen und dem Landstrich sein, aus dem meine Vorfahren in eine neue Heimat aufgebrochen waren.”

Reinhold Gall, Stefan Barth
Stefan Barth (rechts) im Sindelfinger Haus der Donauschwaben im angeregten Gespräch mit Innenminister Reinhold Gall (links) - Foto: Rudolf Weber

Ketig wurde zwar in Slawonien geboren, verbrachte seine Kindheit aber in der Banater Stadt Weißkirchen. Nach dem Abitur studierte er Medizin an der Universität Belgrad, ehe er an der Philosophischen Fakultät in Neusatz (Novi Sad) in Jugoslawischer Literatur und Südslawischen Sprachen sein Diplom erwarb. Danach war er Redakteur und Schriftsteller. Mit seinen Romanen “Die Krebskinder”, “Damin gambit” und “Die langen Schatten der Morgendämmerung” unterstrich Ketig seine Verbundenheit mit den Donauschwaben. Anton Bleiziffer, der Jury-Vorsitzende, erklärte in seiner Laudatio: “Tomislav Ketig bestätigt den Deutschen, dass sie viel für die zivilisatorische und kulturelle Entwicklung in der Vojvodina getan haben. Das ‚aber’ folgt auf der Stelle. Ich zitiere: ‚aber die Deutschen standen abseits, hielten sich an ihre Arbeit und waren keiner der zerstrittenen Seiten zugeneigt. Sie waren eine Art Pufferzone, insbesondere in Konfliktfällen, wenn die anderen untereinander stritten.’ Dieses ‚aber’ ist also nicht negativ zu werten, sondern verdient Respekt und Anerkennung.”

Der Hauptpreisträger des Donauschwäbischen Kulturpreises 2011 begann seine Laufbahn als Schriftsteller im Jahre 1951 mit seinen ersten Gedichten. Es folgten Erzählungen, Romane, Dramen, Essays und Literaturkritiken. Er war Sekretär des Schriftstellerverbandes der Vojvodina, danach deren Vorsitzender und vom Stellvertreter wurde er zum Vorsitzenden des Jugoslawischen Schriftstellerverbandes gewählt. Ketig ist Mitglied des Kroatischen Schriftstellerverbandes in Zagreb und der internationalen Schriftstellervereinigung PEN. Seine Dramen wurden im Theater, Fernsehen sowie Radio im In- und Ausland aufgeführt, seine Werke in die deutsche, ungarische, italienische, niederländische, französische, slowenische, albanische, slowakische, russische und schwedische Sprache übersetzt. Mit mehreren Literaturpreisen wurden viele seiner Werke ausgezeichnet. Nun kam der Donauschwäbische Kulturpreis hinzu.

Mehr über Tomislav Ketig im “Archiv Neuerscheinungen” unter folgendem Link:
Tomislav Ketig: Die langen Schatten der Morgendämmerung

2011-12-12