Serbischer Film: Furiose Premiere in Belgrad vor 300 Besuchern

Die Stunden vor der Premiere in der Hauptstadt sind für Marko Cvejic sehr hektisch. Ein Termin bei der lokalen TV-Station, ein letzter Technik-Check und kurz vor Beginn der Aufführung im Kinosaal des zentral gelegenen Belgrader Jugendzentrums ein weiteres Fernsehinterview. Der Besucherandrang übertrifft denn auch alle Erwartungen des 33-jährigen Filmregisseurs. Rund 300 Personen, darunter mehr als die Hälfte deutlich unter 50 Jahre, sind am 7. Dezember 2011 an einem Film interessiert, der ein jahrzehntelanges Tabu in Serbien behandelt: “Danube Swabians” – die Donauschwaben.

Marko Cvejic
Kurz vor der Veranstaltung gibt Regisseur Marko Cvejic ein Fernsehinterview - Foto: Vishnja Cupic

Über jene Deutschen also, die im 18. Jahrhundert dem Ruf der habsburgischen Kaiser - damals in Personalunion Könige von Ungarn - folgten und in drei großen Schwabenzügen das nach den Türkenkriegen vielerorts entvölkerte und verheerte Königreich Ungarn besiedelten. Ein Siedlungsschwerpunkt war die heutige Vojvodina: Banat, Batschka und Syrmien. Über jene Deutschen, die zwischen 1944 und 1948 in den kommunistischen Lagern einen hohen Blutzoll entrichten mussten. Von den 170 000 Internierten - vorwiegend Greise, Frauen und Kinder, denn die Männer im wehrfähigen Alter waren schließlich beim Militär – starben 51 000, darunter mehr als 6000 Kinder.

Wie kam nun Marko Cevjic zu diesem Thema? “Es begann mit persönlichen Auseinandersetzungen über die Kollektivschuld”, so der gebürtige Vojvodiner. “Mit Fragen wie: Muss ich mich schuldig fühlen für die serbischen Verbrechen in den 1990er Jahren? Was habe ich damit zu tun?” Für sich beantwortete er die Frage mit Nein, Schuld könne nur eine individuelle Sache sein. So gerieten für den nun in Belgrad lebenden Regisseur die Donauschwaben ins Blickfeld, denen eben gerade mit Begründung der Kollektivschuld alle staatsbürgerlichen Rechte aberkannt worden waren. Cvejic und sein junges Team sind explizite Verfechter der Menschenrechte. Die Filme sollen ein Mittel sein, um sie stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Eigentlich hätte die Veranstaltung in Belgrad am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, stattfinden sollen. Weil dies aus organisatorischen Gründen nicht möglich war, fand die Filmvorführung mit anschließender Diskussion drei Tage früher statt.

Telecka-Gedenkstätte bei Rudolfsgnad
Das Filmplakat im Belgrader Jugendzentrum zeigt die Telecka-Gedenkstätte bei Rudolfsgnad - Foto: Jovica Stevic

Im Film werden die Verbrechen an den unschuldigen deutschen Zivilisten zwischen 1944 und 1948 thematisiert. Die Befragung von Erlebnisträgern wird kombiniert mit einer fiktiven Handlung, die in der Gegenwart spielt. Eine junge Frau aus Deutschland (Maria Schneider, gespielt von der slowenischen Studentin Zala Vidali) ist auf der Suche nach dem Haus ihres Großvaters in der Vojvodina. Auf ihrer Suche lernt sie Miso (gespielt vom montenegrinischen Schauspieler Milivoje Obradovic) kennen, einen jungen Mann, dessen Vorfahren nach dem Zweiten Weltkrieg aus Montenegro in die Batschka kamen. Sie verlieben sich ineinander. Maria Schneider findet das Haus ihres Großvaters, das seit 50 Jahren verlassen ist – ein Haus in Rudolfsgnad. Vom Bürgermeister erhält sie die Erlaubnis, in diesem Haus ein Fotostudio einzurichten. Doch es gibt kein glückliches Ende. Nationalisten brennen das Haus nieder und vertreiben das junge Paar – Maria ergeht es wie ihrem Großvater. Im Schlussdialog zwischen dem im Auto fliehenden Liebespaar fragt Miso Maria: “Where are we going now?” Maria antwortet: “Nach Europa.”

Marko Cvejic und Prof. Zoran Ziletic
Podiumsdiskussion mit Regisseur Marko Cvejic und Prof. Zoran Ziletic - Foto: Vishnja Cupic

In der Diskussion wird von mehreren Besuchern die jahrzehntelange Tabuisierung der Verbrechen an den Deutschen angeprangert und kritisiert, dass man in der Schule nie davon erfahren habe. Ein Teilnehmer wundert sich, warum die deutsche Politik in dieser Angelegenheit bisher keinen Druck auf Serbien ausgeübt hat, ein anderer berichtet darüber, wie er zufällig auf die Existenz von den Massengräbern in Rudolfsgnad gestoßen und daraufhin zur Telecka-Gedenkstätte gefahren ist: “Das war für mich ein Schock. Ich habe Wochen gebraucht, um mich davon zu erholen.” Donauschwaben, die noch in Serbien leben und die deutsche Sprache nicht mehr beherrschen, sind aufgewühlt und dankbar, dass Cvejic mit seinem Film ein Tabu gebrochen hat. Dass man nun endlich öffentlich über das erlittene Leid der Familienangehörigen ohne Angst sprechen kann – in Belgrad, der einstigen Machtzentrale Titos.

Aufschlussreich war der Hinweis von Regisseur Marko Cvejic, dass er im Rahmen des Filmes auch mit einer Reihe an ehemaligen Partisanen gesprochen hatte. Keiner erklärte sich allerdings bereit, in dem Film vor der Kamera zu posieren. Auf seine Frage, was sie zwischen 1944 und 1948 bei den Verbrechen an den Deutschen in Jugoslawien angetrieben habe, antworteten sie einhellig: “Eigentum.” Wie der Historiker Götz Aly im September 2010 in Berlin in seinem Vortrag “Ethnische Politik im 20. Jahrhundert: Eine Folge des Strebens nach nationaler und sozialer Gleichheit” erklärte, hatte Tito schon während des Krieges “als hauptsächliche Verfügungsmasse für die kommunistische Landreform” den Landbesitz der deutschen Minderheit im Banat – immerhin laut Aly 637 000 Hektar – eingeplant. Bei dieser Landreform beziehungsweise Enteignung der Donauschwaben kamen die Partisanen besonders gut weg.

Theiß bei Rudolfsgnad
Mit der Theiß bei Rudolfsgnad beginnt der Film - Foto: Jovica Stevic

Nach der professionellen und sehr eindrucksvollen Veranstaltung geht der Rummel um Marko Cvejic weiter. Im März 2012 steht eine Tour durch die Städte und Dörfer der Vojvodina an. Um “Danube Swabians” auch in Deutschland und Österreich zu präsentieren, werden nun außerdem deutsche Untertitel erstellt. Bis auf die deutschen Passagen der donauschwäbischen Enkelin Maria Schneider wird im Film ausschließlich serbisch gesprochen - mit englischem Untertitel. Die Premiere in Belgrad, die von Beiträgen in Fernsehen, Radio und Zeitungen begleitet wurde, war jedenfalls ein Meilenstein. “Ich glaube, dass wir mit dieser Veranstaltung ein gutes Stück vorangekommen sind”, bilanzierte Cvejic zufrieden. Sein ehrgeiziges Ziel formulierte er so: “Hoffentlich haben wir am Ende unseres Projektes einen kleinen, aber wichtigen Einfluss auf die öffentliche Meinung in Serbien genommen.”

Eine Fotoserie zur Veranstaltung kann unter folgendem Link auf der Internetseite des Belgrader Jugendzentrums angeklickt werden: www.domomladine.org/vesti/podunavske-svabe-premijerno-u-prepunom-bioskopu-dob-a/

Außerdem ist auf der Internetseite der serbischen Filmproduktionsfirma www.mandragorafilm.com ein Beitrag (einschließlich Fotos) in serbischer und englischer Sprache eingestellt. Man findet ihn unter “Aktuelno” beziehungsweise “News”.

Wer seinen Teil dazu beitragen will, dass die Tour in der Vojvodina in ihrer größtmöglichen Variante durchgeführt und die Erstellung der deutschen Untertitel rasch realisiert wird, kann dies mit einer Zuwendung an die Donauschwäbische Kulturstiftung unter dem Stichwort “Serbischer Film” tun.

Bankverbindung der Donauschwäbischen Kulturstiftung:
Postbank München,
BLZ 700 100 80,
Postgirokonto-Nr. 342892-801
BIC/SWIFT-Code: PBNKDEFF
IBAN: DE52 7001 0080 0342 8928 01

Kontaktdaten der serbischen Filmproduktionsfirma (Anfragen in serbischer oder englischer Sprache):
MANDRAGORA FILM
Barnic Nedeljka 2, 23000 Zrenjanin
E-mail: mandragorafilm@gmail.com
Internet: www.mandragorafilm.com

Mehr zum Film unter:
Serbischer Film: Vorführungen im Banat und in der Batschka
Serbischer Film: Erfolgreiche Premiere in Neusatz
Serbischer Film “Die Donauschwaben”: 15. Juni Premiere in Neusatz
Donauschwäbische Kulturstiftung fördert serbischen Film

2011-12-10